30 Jahre Jubiläum Gemeindepräsident Urs Kiener am 1. Juli

Lieber Urs

Seit 30 Jahren bist du ein Mitglied des Gemeinderates, davon 9 Jahre Gemeindepräsident. Bei vielen Projekten hast du mitgeholfen und dich eingesetzt. Das Wohl der Bürgerinnen und Bürger ist und war dir immer sehr wichtig. Wir möchten dir von Herzen für deine grosse Arbeit zugunsten unserer Gemeinde danken. Für die Zukunft wünschen wir dir alles Gute, Gesundheit und weiterhin viel Freude in deinem Amt als Gemeindepräsident.

Der Willisauer Bote sprach mit Urs Kiener über seine Motivation, Heimattreue und Zukunftspläne. Quelle Norbert Bossart, Willisauer Bote, 1. Juni 2021.

Urs Kiener, Sie traten am 1. Juli 1991 ihr Amt im Hergiswiler Gemeinderat an. Diesen Monat sind Sie genau 30 Jahre im Amt. Was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum?

Urs Kiener: Es ist ein Meilenstein auf meinem politischen Weg, mit dem ich nie gerechnet habe. Bei meiner Wahl waren für mich zwei, drei Legislaturen denkbar. Und das Präsidium war weit entfernt von meinen kühnsten Zielen.

… dennoch sind Sie seit neun Jahren Präsident.

Ich bin im Laufe der Jahre buchstäblich in meine Aufgabe hin­eingewachsen. Die Lokalpolitik ist zu einem wichtigen Bestandteil in meinem Alltagsleben geworden. Mehr noch: Politik ist nebst dem Bauern meine grosse Leidenschaft. 30 Jahre nach dem Amtsantritt überwiegen Dankbarkeit und Freude.

Warum?

Es ist nicht selbstverständlich, dass die Gesundheit ein jahrzehntelanges Engagement zulässt und meine Neugier an neuen Projekten nicht kleiner wird. Hilfreich war all die Jahre die Unterstützung, die ich querbeet in der Dorfgemeinschaft erfahren durfte – und dies wohlgemerkt als Vertreter der FDP, der kleinsten Ortspartei. Diese breite Rückendeckung, diese Abstützung über die Parteigrenzen hinweg war für mich wie positives Doping. Jung bis Alt schenken mir immer wieder Kraft, Mut und Zuversicht. Und: Unser Rat ist ein Team, das gut harmoniert. Wir können auf die Hilfe eines fachkundigen Gemeindeschreibers und einer gut aufgestellten Verwaltung zählen.

Gab es Momente, in denen Sie die Flinte am liebsten ins Korn geworfen hätten?

In solchen Situationen warf ich die Flinte nicht ins Korn, sondern stellte das Visier schärfer (lacht). Hartnäckigkeit und Durchhaltewille gehören zu meinen Stärken. Sie sind ein Muss, wenn du als Politiker Ziele erreichen willst.

Wann zum Beispiel?

Etwa beim Bau von Güterstrassen. So gab es Auseinandersetzungen, die vereinzelt gar bis vor Bundesgericht führten – und die bei mir für die eine oder andere schlaflose Nacht gesorgt haben. Da waren zum einen die Anliegen von abgelegenen Gehöften, die auf eine bessere Erschliessung dringend angewiesen waren. Denn gute Stras­sen sind in einer weitläufigen Randgemeinde wie Lebensadern. Sie helfen mit, die Abwanderung zu stoppen. Zum andern gibts für Hoferschliessungen gesetzliche Vorschriften. Und manchmal sind Hartbeläge den Naturschutz- und Wanderweg-Freunden ein Dorn im Auge. Solche unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen, ist oftmals schwierig. Doch nach langwierigen Verhandlungen mit den Amtsstellen liessen sich in Hergiswil Projekte verwirklichen, mit denen die grosse Mehrheit leben kann und für die Direktbetroffenen von grossem Nutzen sind.

Zurück zu Ihrer Politlaufbahn: Warum haben Sie sich einst als Ratsmitglied zur Verfügung gestellt?

Politik liegt mir in den Genen. Ich trat anno 1991 die Nachfolge meines Vaters Josef an, der 12 Jahre im Gemeinderat mitgewirkt hatte. Wir führten bereits in meinen Jugendjahren am Familientisch intensive Politdiskussionen. Wie sich Vater für unser Dorf eingesetzt hat, imponierte mir. Kurz: Er war ein Vorbild. Ich wollte ebenso meinen näheren Lebensraum mitgestalten.

Weshalb lohnt sich dieser Einsatz?

Sich engagieren und mitreden: Das bringt mehr, als abseits zu stehen. Erst recht in einem Dorf, das am Rande des Kantons liegt. Hier ist ein vereintes Engagement doppelt wichtig, um nicht vom Kanton links liegen gelassen zu werden. Ich will dazu beitragen, dass Hergiswil und die Napfregion in Luzern Gehör finden.

Warum muss sich das Napfgebiet in Luzern Gehör verschaffen?

Die weitläufigen Napfgemeinden kennen andere Herausforderungen als die Stadt oder die Agglomeration. Für unsere lokalen, spezifischen Herausforderungen braucht es örtlich angepasste Lösungen. Etwa wenn es um Bauvorhaben oder Raumplanung geht. Dabei ist es wichtig, dass die kantonalen Amtsstellen den gesetzlichen Ermessungsspielraum nutzen und vor allem gesunden Menschenverstand walten lassen. Wir wollen kein Ballenberg werden, sondern uns weiterentwickeln können. Hergiswil soll eine eigenständige Gemeinde bleiben.

Landwirt auf dem 15-Hektaren-Hof Vorder-Berkenbühl und ein 32-Prozent-Pensum als Präsident – wie bringt Urs Kiener Beruf und Politik unter einen Hut?

Dank der Unterstützung meiner Familie sowie Freunden, die mit anpacken, wenn auf dem Hof Not am Mann ist. In den Anfangsjahren durfte ich im Stall, auf dem Feld oder bei der Obsternte auf die Hilfe der Eltern zählen, später auf jene meiner Frau Berta, von Sohn Thomas und Tochter Barbara. Zudem bewirtschafte ich meinen Betrieb in den letzten Jahren bewusst weniger intensiv. Die verstärkte Konzentration auf die Milchwirtschaft machte es möglich, mir den nötigen Freiraum für mein politisches Engagement zu schaffen.

Was zeichnet ein gutes Gemeinderatsmitglied aus?

Bodenhaftigkeit. Nur wer geerdet ist, spürt, wo der Schuh drückt. Im Zentrum des Wirkens muss immer das Allgemeinwohl stehen. Wichtig sind auch Teamfähigkeit und die Offenheit für Veränderungen. Eine gute Allgemeinbildung erleichtert vieles. Zudem hat uns die Pandemie gezeigt: Kenntnisse im Umgang mit dem Computer und den Online-Medien sind unabdingbar.

Wie entscheidend ist der Parteirucksack im Ratsleben?

Jedes Behördenmitglied darf seinen Parteirucksack tragen, seine Meinung einbringen. Doch im Rat selbst ist keine Partei-, sondern Sachpolitik gefragt. Nur Konsenslösungen bringen uns weiter.

Wie wichtig ist dabei der Einbezug der Ortsparteien?

Diese sind wichtige Meinungsbildner. Sie helfen mit, damit unser Milizsystem funktioniert, die Ämter besetzt sind. Sämtliche Ortsparteien gilt es im Rat und in den Kommissionen so gut wie möglich einzubeziehen, damit sie sich einbringen können. Sind sie eingebunden, stehen sie auch in der Verantwortung. Dies erleichtert vieles. Denn von Ausgeschlossenen erfolgt in der Regel Widerstand und Opposition.

Ihr Führungsstil?

Fragen Sie meine Ratskolleginnen und -kollegen.

Diese sitzen jetzt nicht am Tisch.

Ich versuche die Sitzungen kollegial- partizipativ zu leiten. Ich bin auf Konsense bedacht, Streit liegt mir fern. Ich kann gar nicht anders handeln – ich bin so geboren.

Gibts einen Leitspruch, der zu Ihnen passt?

«Me cha im Läbe emmer weder dezulehre». Es gilt neuen Erkenntnissen Rechnung zu tragen. Stillstand ist Rückschritt. Ich strebe gern vorwärts.

Hat der Präsident auch eine Führungsschwäche?

Ich bin gutmütig, gelegentlich zu gutmütig – und bekomme dann eines auf den Deckel. Doch was solls – ich glaube an das Positive im Menschen.

Haben Sie ein politisches Vorbild?

Alt Nationalrat Ruedi Lustenberger. Sein Engagement für die Bergregion war beispielhaft. Ein Macher. Dies durfte auch unsere Gemeinde erfahren. Als ich Ruedi am Telefon bei einem Projekt um Hilfe bat, sagte er auf Anhieb zu, ohne bereits die Details zu kennen. Sein Verhandlungsgeschick und seine Hartnäckigkeit bei diversen Amtsstellen verhalfen uns letztlich zur erfolgreichen Baubewilligung.

Auf welche Weichenstellung sind Sie besonders stolz?

Wissen Sie, ich bin nur ein Rädchen im Getriebe des Gemeinwesens. Die meisten Weichenstellungen, die unser Dorf vorwärtsbrachten, beruhen auf einem Miteinander.

Das tönt etwas gar bescheiden. Halten wir fest: Urs Kiener rückte Hergiswil bereits mehrmals in den Fokus der nationalen Medien.

Dank meinem Netzwerk gelang es mir in den letzten Jahren, die eine oder andere wichtige Organisation nach Hergiswil zu lotsen. So fanden etwa die zweitägige Tagung der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete SAB im Dorf oder die Jahresmedienkonferenz des Schweizer Bauernverbandes auf dem Hof Unter-Opfersbühl statt. Dabei konnte Hergiswil als Gastgebergemeinde aufzeigen, wie es sich hier lebt, wie die Landbevölkerung tickt und welche Herausforderungen anstehen. Wir konnten darauf aufmerksam machen, wie stark das Gedeihen der ländlichen Gebiete mit den Bauernbetrieben verbunden ist. Mit Fakten und Herzblut. Das wirkt hoffentlich nachhaltig, wenn es um politische Entscheide geht, die das Berggebiet oder die Landwirtschaft betreffen.

Was sind die Stärken Ihrer Heimatgemeinde?

Hergiswil ist eine Perle am Fusse des Napfes in einer weitgehend intakten Landschaft. Hier lohnt es sich zu leben. Wir haben gute Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, öV-Verbindungen, bezahlbare Wohnungen, ein reges Vereins- und Kulturleben und ein verlässliches Gewerbe. Wohnen und Betreuung im Alter sind garantiert. Und: Vorbildlich wird in Hergiswil Freiwilligenarbeit geleistet, am gleichen Strick gezogen. Dies hat der Bau des Gedenkbrunnens für «Seppi a de Wiggere» eindrücklich gezeigt.

Und die Schwächen der Napfgemeinde?

Unsere Gemeinde ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Wir haben eine tiefe Steuerkraft im Vergleich zu den hohen Infrastrukturkosten in unserer weitläufigen Gemeinde. So ist Hergiswil trotz guten Abschlüssen auf die Finanzausgleichsgelder des Kantons angewiesen, damit sich die Aufgaben bewältigen lassen.

Sie sind nun 63 Jahre alt und haben immer vor Ort gelebt. Keine Lust auf Luftveränderung?

Nein, ich bin und bleibe ein Hergiswiler! Als Bauer bin ich mit der Scholle eng verbunden. Hier habe ich meine Wurzeln, hier habe ich mein Daheim.

Ihre grosse Routine im Rat dürfte ein grosser Trumpf sein. Doch braucht es nicht ab und zu wieder frische, unverbrauchte Kräfte?

Tja, ich bin ein Sesselkleber! (lacht) Die Bürgerschaft hat mir bereits bei acht Wahlgängen das Vertrauen geschenkt. Vielleicht auch, weil meine Routine und mein Netzwerk für Hergiswil von Nutzen sind. Noch bin ich nicht amtsmüde. Lässt es die Gesundheit zu, werde ich die laufende Legislatur gewiss beenden. Wie es dann weitergeht, weiss ich derzeit noch nicht.